PFLEGESTUDIUM.DE
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Pflege- und Gesundheitsstudiengänge in Deutschland
Situation, Strukturen und Stellungnahmen
Marianne Zeller-Dumke
Ratingen, Dezember 1999
Fragen des Pflegestudiums und des Ausbildungsstandes des Pflegepersonals haben gerade angesichts der politischen Diskussion um Kosten und Qualität des Gesundheitswesens neue Aktualität gewonnen. Dies zeigt sich beispielweise auch hier an den Abrufzahlen von www.pflegestudium.de. Wenn jährlich rund 60.000 Seiten Informationen über Pflegestudiengänge abgerufen werden, belegt dies zum einen den hohen Stellenwert, den das Pflegestudium für unseren Beruf heute hat. Zum anderen demonstriert es, daß das World Wide Web mittlerweile auch die Krankenschwestern und Pfleger erreicht hat.
Wenn einer etwas schreiben will, schaut er vorher gerne im Lexikon nach. In meinem Fall war es das Meyersche Konversations Lexikon aus dem Jahre 1896, also vor mehr als einhundert Jahren. Schon zu dieser Zeit bedauerte man, daß die damalige Ausbildung nicht geeignet sei, "die ethischen Gebrechen einer mangelhaften Jugenderziehung und eines bedenklichen Vorlebens (zu) verwischen"(1). Dieses sei besonders schwerwiegend, weil als Pflegekräfte - abgesehen von den Damen geistlichen Standes - früher vor allem Personen mit mangelhafter Schulbildung, mit Gebrechen Behaftete und Personen, die in den verschiedensten Lebenslagen Schiffbruch gelitten hatten, eingesetzt würden(2). Der Pflegeberuf und seine Ausbildung standen damals nicht in bestem Rufe. Vieles hat sich in diesen einhundert Jahren geändert; die Ausbildungsfrage ist uns aber als Thema geblieben.
Ein kurzer Rückblick auf die Historie: Der erste Pflegestudiengang entstand nach D. Schaffer(3) 1910 in den USA. In Deutschland ging es langsamer voran. Erste Bestrebungen für eine akamdemische Ausbildung begannen erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Bildungssystem der früheren DDR wurden an der Charité der Humboldt-Universität zu Berlin Studiengänge für Medizinpädagogik und Diplomkrankenpflege 1963 eingerichtet(4). In Westdeutschland dauerte es länger. Der erste Modellstudiengang fand von 1976 bis 1982(5) an der FU Berlin statt und wurde später nicht mehr fortgeführt. Die mit 1980(6) zeitlich etwas später gestarteten Modellstudiengänge an der Universität und der Fachhochschule Osnabrück existieren - in modifizierter Form - dagegen immer noch(7). Seit dem Wintersemester 1991/92(8) wird Krankenpflegemanagement erstmals an der Fachhochschule Osnabrück angeboten, es folgten mehrere weitere Fachhochschulen, die bundesweit ein Pflegestudium einrichteten.
Wenn noch vor fünfzehn, zwanzig Jahren ein Pflegestudium zu den akademischen Kuriosa gehört haben mochte, so hat sich dies geradezu inflationär geändert. Nach einer vor wenigen Monaten erschienenen Untersuchung von Hurrelmann(9) werden an deutschen Hochschulen und Fachhochschulen 121 Pflege- und sonstige Gesundheitsstudiengänge angeboten; Kälble/Troschke(10) haben zur gleichen Zeit sogar 196 solcher Studiengänge festgestellt. Darunter wurden dabei alle Lehrangebote summiert, die sich mit Maßnahmen beschäftigen, die vorbeugen, gesund machen, gesundhalten und gesundfördernd sind und rehabilitieren. Zusätzlich wurden auch Aus- und Weiterbildungsangebote einbezogen, die nur mittelbar zum Gesundheitswesen gehören und zum Beispiel zu Berufen mit technischer, informationstechnologischer oder therapeutischer Ausrichtung führen.
In dieser pluralistischen Welt gibt es Pflegestudiengänge, die sich eng an den Betriebs- und Pflegeabläufen im Krankenhaus orientieren - also funktional ausgerichtet sind, über eher theoretisch geprägte Studiengänge bis hin zu betriebswirtschaftlichen Studien sowie sport- und sozialpädagogischen Varianten.
Die Spannbreite reicht von Biomedizinischer Technik in Aachen über Humanitäre Hilfe in Bochum, dem Medical Engineering in Furtwangen, der Kunsttherapie in Nürtingen bis zur Gemeindepsychatrie in Wiesbaden. Darüber hinaus gibt es natürlich die ganz normalen Pflegestudiengänge: Pflegewissenschaft, Pflegemanagement, Pflegepädagogik.
Diese Vielfalt ist zum einen typisch für eine junge Wissenschaft, die ihr Bild noch formt und erarbeitet. Zum zweiten zeigen sich hierin die unterschiedlichen und wachsenden Ansprüche, die heute an Angehörige in Pflege- und Gesundheitsberufen gestellt werden. Und zum dritten spiegelt sich darin das Wesen der Pflegewissenschaft als einer Querschnittswissenschaft wider, in der sich relevante Erkenntnisse und Methoden anderer Zweige - Medizin, Psychologie, zunehmend auch Betriebswirtschaft und Informatik - bündeln.
Es ist anscheinend eine blühende akademische Landschaft entstanden - mit vielen unterschiedlichen Farben und Nischengewächsen, Nutzpflanzen und Orchideen-Spezialitäten, aber vielleicht auch mit einigen Kümmerlingen und ersten Zeichen von Nährstoff- sprich: Studentenmangel.
Eine erste Analyse dieser Studiengänge sollte nach Art des Angebots und Studienform erfolgen. Etwa 55 % der von Kälbe/Troschke aufgeführten Studiengänge führen zu eigenständigen Hochschulabschlüssen, die den Zugang zu einem Beruf eröffnen sollen. Etwas niedriger liegen mit zusammen 45 % die postgraduierten und Weiterbildungs-Studiengänge. Rund 16 % der Studien sind gesundheitsbezogene Kurse und Lehrveranstaltungen innerhalb anderer Studiengängen (z.B. Ingenieurwissenschaften).
Zur Durchführungsform des Studiums: Zwei Drittel sind Vollzeitstudiengänge als Präsenzstudium. Ein Viertel der Studiengänge werden in Teilzeit bzw. berufsbegleitend durchgeführt, und knapp ein Zehntel - etwa 8 % - sind Fernstudien, teilweise wie an der Fachhochschule München mit Präsenzphasen. Es ist beispielsweise möglich, in Berlin, in Halle-Wittenberg und in München Medizin- und Pflegepädagogik bzw. Gesundheitspädagogik per Fernstudium zu studieren. Während allerdings in München nur ein einfaches Zeugnis die erfolgte Weiterbildung bescheinigt, führt das Studium an der Berliner Humboldt-Universität zu einem üblichen und anerkannten Studienabschluß als Diplom-Medizinpädagoge bzw. Pflegepädagoge. In Rietlingen in Baden-Württemberg bietet die Kolping-Fachhochschule ein Fernstudium in Krankenhaus- und Sozialmanagement an. Abschluß ist der Diplom-Betriebswirt (FH). Fernstudium heißt hier nicht nur Weiterbildung, sondern kann also auch einen Zugang zu einem vollwertigen akademischen Abschluß mit entsprechenden Berufschancen ermöglichen.
Wer sich für Pflege- und Gesundheitsstudiengänge interessiert, sollte wissen, was er unter Pflege- und Gesundheitswissenschaften verstehen kann. Ein bewährtes Mittel zur gärtnerischen Bewältigung akademischen Wildwuchses ist dabei die Definition des jeweiligen Forschungsgebietes, auch wenn - und hier ist der Kommission der Robert Bosch Stiftung(11) zuzustimmen - eine endgültige und umfassenden Definition der Pflege derzeit nicht möglich und vielleicht auch aus wissenschaftlicher Sicht kaum wünschenswert ist. Bei aller notwendigen Einschränkung und empirischen Bescheidenheit sollte diese aber zumindest versucht werden. Pflegewissenschaft im weiteren Sinne möchte ich hier bezeichnen als das Gewinnen und Darstellen von Erkenntnissen über Feststellen und Behandeln menschlicher Reaktionen auf aktuelle oder potentielle Gesundheitsprobleme. Diese Definition folgt der Pflegedefinition der American Nurse Association 1980(12). Von der Emperie her definiert und auf die Kernbereiche focussiert ist Pflegewissenschaft im engeren Sinn nach Bartholomeyczik "die wissenschaftliche Grundlage für die Praxisdisziplin Pflege."(13). Diese engere Definition schließt also bespielsweise Medical Engineering, aber auch Musik- und Kunsttherapie oder Umweltmedizin aus. Ich würde im folgenden gerne dieser engeren Definition folgen. Übrigens haben auch die amtlichen Erhebungen des Statistischen Bundesamtes enge Definitionen gewählt.
Bleiben wir bei der Statistik. Derzeit gibt es 39 Pflegestudiengänge an 28 Hochschulen und Fachschulen in Deutschland, die systematisch nach Inhalt, Durchführungsart, Abschluß und Hochschulart unterschieden werden können.
Pflegemanagement ist die darunter am häufigsten vertretene Studienrichtung mit 41 %. Hier geht es im wesentlichen um die Hochschulausbildung für Positionen in der Pflegeleitung. Mit 26 % bzw. zusammen 27 % folgen die Bereiche Pflegepädagogik bzw. Pflege und Pflegewissenschaft. Rund 6 % macht der Bereich Pflege/Pflegemanagement aus.
Prozentzahlen auch bei einer Ausgangsbasis von unter 100 Einheiten anzugeben, erscheint hier statistisch vertretbar, sofern beachtet wird, daß die rechnerische Genauigkeit größer ist als die zahlenmäßige Aussagekraft. Ein Studiengang steht in dieser Rechnung für 2,5 Prozent-Punkte.
Ziel des Studiengangs Pflegemanagement ist es, Orientierungs- und Handlungskompetenzen für die Tätigkeitsfelder in der Pflegewissenschaft, Krankenhaus-Betriebswirtschaft und Personalführung zu vermitteln. Als Beispiel für einen solchen Studiengang ist das Pflegemanagement-Studium an der Fachhochschule Münster vorzustellen. Das Studium gliedert sich in ein fünfsemestriges Grund- und ein drei semestriges Hauptstudium. Im Grundstudium nimmt das Fach Pflege einen wichtigen Raum ein. Dazu gehören Einführung in die Pflegewissenschaft, Berufs- und Medizinsoziologie. Aber auch Ethik im Gesundheitswesen steht auf dem Stundenplan. Weitere Themen sind Gesundheitsrecht, Arbeitsmedizin und Hygiene. Gleiche Bedeutung - auch vom Stundenplan her - haben Themen des Personalwesens wie Personalmanagement, Sozialpsychologie, Organisationstheorie und Arbeitsrecht. Zum Fach Betriebswirtschaftslehre gehören Mathematik/Statistik, Gesundheits- und Sozialmanagement und Rechnungswesen sowie spezielle Betriebswirtschaftslehre.
Im Hauptstudium erfolgt in Münster wie in fast allen anderen Pflegemanagement-Studiengängen ein Praxis- und ein Prüfungssemester mit der selbstständigen Anfertigung einer wissenschaftlichen Diplom-Arbeit. Hier erfolgt auch die Spezialisierung nach den Schwerpunkten Krankenhaus, Ambulante Dienste und Alten-/Pflegeeinrichtungen.
Der Studienschwerpunkt Krankenhaus vermittelt praxisbezogene Kenntnisse und Fähigkeiten aus den Gebieten Pflegedienst im Krankenhaus, spezielle Betriebswirtschaftslehre und insbesondere Personalplanung.
Der Schwerpunkt Ambulante Dienste umfaßt Betriebswirtschaftslehre, Sozial- und Vertragsrecht sowie Organisation und Planung solcher Dienste.
Im Studienschwerpunkt Alten-/Pflegeeinrichtungen stehen wieder Betriebswirtschaftslehre und Personalmanagement im Vordergrund, aber auch beispielsweise medizinische und psychologische Gerantologie(14).
Studienabschluß ist der akademische Grad Diplom-Pflegewirt/in. Die Konferenz der Dekaninnen und Dekane pflegewissenschaftlicher Fachbereiche an Fachhochschulen, Universitäten und Gesamthochschulen in Deutschland hat kürzlich für solche Studiengänge den neuen Grad "Diplom-Pflegemanager/in" vorgeschlagen(15).
Pflegepädagogik - oder sollte man nicht besser sagen: Pflegedidaktik - beschäftigt sich mit den psychologischen, sozialwissenschaftlichen und pädagogisch/didaktischen Grundlagen der Pflege, Gesundheits- und Sozialpolitik, Recht und Schulorganisation. Das Studium kann an Fachhochschulen und Universitäten absolviert werden. Zu letzten gehören die Humboldt-Universität in Berlin sowie die Universitäten Bremen und Osnabrück.
Seit 1991 kann an der Humboldt-Universität neben Medizin-Pädagogik auch Pflegepädagogik studiert werden. Die Absolventen sollen die fachlichen, sozialen und personellen Kompetenz zur Ausübung pädagogischer Tätigkeit in der Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie die Vorbereitung auf Forschungstätigkeit und Öffentlichkeitsarbeit im Berufsfeld Gesundheit und Soziales erlangen. Das inhaltliche Profil wird maßgebend bestimmt durch das erste Fach, also die berufliche Fachrichtung Gesundheit/Pflegewissenschaft und das zweite Fach als Bio- oder Sozialwissenschaft. Erziehungswissenschaft und eine andere Sozialwissenschaft runden mit einem Orientierungspraktikum und Unterrichtspraktika das Studium ab. Eine Diplomprüfung, bzw. eine Diplom-Vorprüfung im Grundstudium bilden den Abschluß des Studiums(16). Sofern wie in Osnabrück ein Staatsexamen für das Lehramt an berufsbildenden Schulen abgelegt wird, schließt sich in der Regel ein zweijähriges Referendariat an.
Im Unterschied zu dieser universitären Pflegepädagogik-Ausbildung gelten die Studiengänge an Fachhochschulen nach Schmerfeld(17) als flexibler und näher an der beruflichen Praxis in den Pflegeschulen orientiert. An den Universitäten käme zum Teil die didaktisch-praktische Ausbildung zu kurz. Außerdem würden die Fachhochschulen auch neue Tätigkeitsfelder z.B. in der Gesundheitspädagogik erschließen.
Der Abschluß heißt in der Regel Diplom-Pflegepädagoge/in.
In der Pflegewissenschaft werden als Kernfächer insbesondere Pflegetheorien und -modelle sowie Pflegemethoden und Gesundheitswissenschaften gelehrt. Als Nebenfächer oder pflegerische Bezugswissenschaften, wie sie teilweise genannt werden, sind außerdem häufig Soziologie und Philosophie, Medizin und Psychologie, Wirtschafts/Politik- und Erziehungswissenschaften in das Lehrangebot integriert. Der Abschluß lautet in den meisten Fällen Diplom-Pflegewissenschaftler/in.
Die Privatuniversität Witten/Herdecke hat ihr Studienangebot reformiert und an die angelsächsische Struktur angepaßt. Im neuen Bachelorstudiengang wird ein 13-wöchiges Inlands- bzw. Auslandspraktikum und im Masterstudium nochmals ein vierwöchiges Auslandspraktikum verlangt. Der Abschluß lautet dort nach sechs Semestern "Bachelor of Science in Nursing" (BScN) und nach weiteren drei Semestern "Master of Science in Nursing Science" (MScN)(18). Seit dem Wintersemester 1997 wird ferner ein viersemestriges, berufsbegleitendes Graduiertenprogramm für Doktoranden angeboten.
Das Studium der Pflege zum Beispiel an der Fachhochschule Frankfurt am Main bildet für besonders qualifizierte allgemeine Tätigkeiten im Gesundheits- und Sozialwesen aus. Der Fächerkatalog des dreisemestrigen Grundstudiums setzt sich zusammen aus Pflegewissenschaft, naturwissenschaftlichen Grundlagen, Theorien der Sozialisation, Recht und Organisation sowie Sozialstruktur und Gesundheitswesen. Das Hauptstudium umfaßt die Fächer Pflege, Gesundheitsförderung, Management und ein Schwerpunktfach für spezielle Pflegesituationen. Das Praxissemester findet in der Regel nach dem 5. Studiensemester statt. Der Studienabschluß besteht aus der Diplomprüfung zum/r "Diplompflegewirt/in (FH)(19).
Häufig ist die Fachrichtung Pflege mit zusätzlichen Schwerpunkten verbunden. Hierzu zählt die Kombination Pflege/Pflegemanagent an der Alice-Salomon-Fachhochschule und an der Ev. Fachhochschule, beide in Berlin. Das Studium wird in der Regel als "Diplompflegewirt/in" abgeschlossen.
Die Organisationsform der Pflegestudiengänge umfaßt trotz zahlreicher Unterschiede einige wichtige Gemeinsamkeiten:
Erstens. Das Pflegestudium setzt praktische Kenntnisse voraus. Also eine Kranken- oder Altenpflegeausbildung bzw. zumindest ein Praktikum. Das Abitur allein reicht prinzipiell nicht aus. Dies ermöglicht dank des häufig recht hohen Kenntnisstandes der Studenten ein sehr konzentriertes praxisorientiertes Arbeiten im Studium.
Zweitens. Es werden fast immer während des Studiums Praktika oder sogar Praxissemester gefordert, so daß dort der Bezug zur Praxis nicht verloren geht. Pflegewissenschaft ist also keine Wissenschaft im Elfenbeinturm. Zugleich wird dem Praxisschock nach Studiumsende vorgebeugt. Die Absolventen haben bessere Aussichten als andere Studienabgänger, eine entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Das Wort von der Hochschule als Wartezimmer zur Arbeitslosigkeit ist hier nicht gültig.
Drittens. Wer will kann Beruf und Studium kombinieren. Für praktisch alle Fachrichtungen werden berufsbegleitende Studiengänge angeboten. Präsenz- und praktische Arbeit wechseln dann regelmäßig ab.
Das Interesse von Pflegenden an einer Möglichkeit zum Fernstudium ist groß. Momentan bietet nur die Humboldt-Universität zu Berlin ein Fernstudium in Pflegepädagogik an. Außerdem haben die FH Magdeburg und die Universität Bielefeld ein viersemestriges weiterbildendes Fernstudium "Angewandte Gesundheitswissenschaften" im Programm. In Jena ist derzeit aus finanziellen Gründen, so die Auskunft der Fachhochschule Ende 1999, keine Immatrikulation für ein Fernstudium möglich.
Weiterhin ist das fünfmonatige Kontakt-/Weiterbildungsstudium des Fernstudienzentrums der Universität Karlsruhe mit dem Studiumangebot "Vernetzung der Pflege" zu erwähnen. Das didaktische Konzept basiert auf der Integration von Fernstudien-, Präsenz- und Telelearing-Phasen(20).
Zur Dauer des Studiums: Von den Weiterbildungs-Angeboten abgesehen dauern die Studiengänge als Regelstudienzeit fast immer acht Semester, die sich in drei bis fünf Semester Grundstudium und ein anschließendes Hauptstudium gliedern. Im letzten Semester des Hauptstudiums wird die Diplomprüfung abgelegt, die mit der Verleihung eines akademischen Grad endet.
Ganz vorne liegen die Fachhochschulen mit drei Viertel der 39 Pflegestudiengänge in Deitschland. Ein Viertel entfallen auf die Universitäten. Dies entspricht zum einen der Pflegewissenschaft als einer innovativen Wissenschaft, die eher bei den jüngeren Fachschulen zu Hause ist als bei traditionellen Universitäten. Zum anderen schlägt hier die Praxisorientierung der Fachhochschulen durch. Die Fachhochschulen lassen sich wiederum nach Trägern analysieren. Siebzehn Fachhochschulen sind staatlich, also von den jeweiligen Bundesländern getragen. Die evangelische Kirche unterhält sechs, die katholische fünf Fachhochschulen, die Pflege anbieten. Man kann also nicht sagen, daß das frühere hohe Engagement der Kirchen im Krankenpflegebereich sich auch heute noch im Bereich der Pflege-Studiengänge widerspiegelt.
Geographische Schwerpunkte lassen sich bei Pflegestudiengängen übrigens nicht feststellen. Es gibt innerhalb Deutschlands keine signifikanten weißen Stellen, weder in Ost und West, noch in Nord und Süd. Dies ist gut so, denn bei dem geforderten Praxisbezug wäre es sonst in einigen Regionen schwieriger als in anderen Pflege zu studieren. Was für die Lehre gut ist, muß aber für die Forschung nicht gelten. Hier könnte man das Fehlen von regionalen Schwerpunkten bedauern. Doch die modernen elektronischen Kommunikationswege könnten dies auffangen.
Wie haben sich nun die gesundheitswissenschaftlichen Studiengänge entwickelt? Für das Wintersemester 1992/93 hatte das Statistische Bundesamt zum ersten Mal die Pflegestudenten erfaßt. Die Zahl belief sich auf 1.300, und es handelte sich hier um die Studenten der Krankenpflege und Sozialmedizin bzw. des Öffentlichen Gesundheitswesen, allerdings ohne Management in Gesundheits- und Sozialbereich. Sechs Jahre später - im Wintersemester 1998/99 - waren es schon über 4.700 Studenten, wobei seit 1996 das Fach Management im Gesundheits- und Sozialbereich einbezogen ist. Damit hat sich die Studentenzahl mehr als verdreifacht. Für die Zeit vor 1992 gibt es keine statistischen Auswertungen.
Für einen Vergleich der Entwicklung in den einzelnen Studiengängen ist natürlich kritisch zu fragen, was sich im einzelnen hinter den statistischen Oberbegriffen verbirgt. Auch intensive Rückfragen in Wiesbaden und bei den Statistischen Landesämtern konnten da keine letzte Klarheit bringen. Im Gegenteil: Es wurde offen eingeräumt, daß die Studentenzahlen den ausgewiesenen Studiengängen nicht zugeordnet werden könnten. Teilweise war den Statistischen Landesämtern selber nicht bekannt, welche Studiengänge im einzelnen mitgezählt wurden. Wenn man die Einzelangaben der Landesämter für die Zahl der Studenten in Krankenpflege/-Management und Pflegepädagogik aggregiert, kommt man auf 3.277 Studenten. Dies bedeutet: Von rund 4.700 Studenten im Gesundheitswesen absolvieren derzeit rund 70 % Pflegestudiengänge. Die Übrigen verteilen sich auf eher randständige Gesundheitswissenschaften mit Abschlüssen wie beispielsweise " Dipl.-Caritaswissenschaftler".
Die künftigen Absolventen der Pflegestudiengänge werden ganz andere Schwerpunkte haben, als sie von der traditionellen Krankenpflege her bekannt sind. In praktisch allen Pflegestudiengängen werden heute Kenntnisse in Informationstechnologie vermittelt. Intensivmedizin und Internet gehören heute gleichermaßen zum Berufsbild; der Computer statt Karteikarten hat auch in die Pflegepraxis Einzug gehalten. Schon heute gibt es 34 gesundheitswissenschaftliche Studiengänge, die sich explizit mit Medizintechnik und IT-Service im Pflegedienst befassen(21). Auch wenn diese Studiengänge nicht - noch nicht - zum engeren Begriff Pflege gehören, kann sich dies alles schnell ändern. Das Bild der Gesundheitswissenschaften wird künftig pluralistischer sein, und wir werden uns darauf einzustellen haben.
Was die einen wünschenswerten Pluralismus nennen, mag für andere Unübersichtlichkeit bedeuten. Wenn diese Anderen beispielsweise als Personalchefs großer Kliniken über berufliche Perspektiven der Absolventen eines Gesundheitsstudiums zu entscheiden haben, bestehen gute Gründe, diese Bedenken ernst zu nehmen. Die derzeit fast 200 Gesundheits-Studiengänge führen zu mehr als 60 Studienabschlüssen(22) unterschiedlicher Bezeichnungen und akademischen Ranges, teilweise bei von außem fast identischem Inhalt. Für die Pflegestudiengänge selber sieht dies erfreulicherweise anders aus. Hier sind Ausbildungsinhalte und Abschlüsse durchaus vergleichbar. Ob Diplom-Pflegewirt, Diplom-Pflegepädagoge, Diplom-Pflegewissenschaftler oder wie z.B. an der Humvoldt-Universität Manager für Gesundheitswesen - der verliehene akademische Grad steht für im allgemeinen gleiches akademisches Wissen und vergleichbare Qualifikation. Dies erleichtert es den Kliniken, sich im allgemeinen Dschungel der Abschlüsse zurechtzufinden.
Im Bereich der übrigen Gesundheitswissenschaften ist man anscheinend noch nicht soweit. Dies macht es ihren Absolventen unnötig schwer, sich mit ihrem persönlichen Leistungsangebot auf dem Gesundheitsmarkt durchzusetzen. Vielleicht wäre es doch mit der Freiheit der Wissenschaft, dem verständlichen Konkurrenzstreben der Hochschulen und der begrüßenswerten Kreativität der Gesundheitswissenschaftler vereinbar, Gleiches gleich zu nennen. So könnte man sich - im Sinne der Wissenschaft und seiner Vertreter - besser verständigen. Hinter manchen phantasievollen Bezeichnungen einzelner Studiengänge können sich übrigens handfeste finanzielle Interessen verbergen. So wurde z. B. für das neue Zusatzstudium "Health Network Manager" an der FH Hannover(23) sogar Markenschutz beim Bundespatentamt beantragt. Sollte damit akademische Konkurrenz verhindert werden?.
Wissenschaftliche Durchdringung der Pflegetätigkeit, vernetzter Computereinsatz und
zunehmende fachliche Qualifizierung des Personals haben das Bild der Krankenpflege in den
letzten Jahren verändert. Zu Anfang dieses Aufsatzes wurde aus dem Meyerschen
Konversationslexikon von 1896 die doch sehr fragwürdige Vorbildung des damaligen
Krankenpflegepersonals zitiert. Im gleichen Lexikon Kapitel wurde aber auch hervorgehoben,
daß "Berufstreue, Sittlichkeit, Gehorsam und Entsagung"(24) einen
unerschütterlichen Teil der ganzen Lebensanschaung der Krankenschwestern und -pfleger
ausmachten, deren Leistung in Geldeswert nicht auszudrücken seien und von denen auch sehr
viele durch berufsbedingte Krankheiten starben. Die Sprache ist altmodisch, und das Wort
Gehorsam ist heute lieber durch "Engagement" oder auch "Verantwortung"
zu ersetzen. Doch im Grunde gilt diese Einschätzung auch noch heute. Persönliche Werte
und Wissen bestimmen nach wie die Arbeit mit den Patienten, wissenschaftliche Erkenntnisse
aus welchen Studiengängen auch immer sind dabei unverzichtbare Hilfsmittel - nicht mehr,
aber auch nicht weniger.
Fußnoten
(1) Stichwort: "Krankenpfleger", Meyers Konversations-Lexikon (1897), S.644, Sp. 1
(2) ebenda
(3) D. Schaffer (1995), S. 128
(4) Kommission der Robert Bosch Stiftung (1992), S. 93
(5) Kommission der Robert Bosch Stiftung (1992), S. 141
(6) Informationsblatt Studiengang LGW, Osnabrück (o.J.)
(7) H. Mogge-Grotjahn (1994), S. 28
(8) Informationsblatt FH Osnabrück (1996)
(9) K. Hurrelmann (1999), S. 179 ff.
(10) K. Kälble/J.v.Troschke (1998)
(11) Kommission der Robert Bosch Stiftung (1996), S.10
(12) S. Bartholomeyczik (1999),
(13) S. Bartholomeyczik (1999),
(14) Informationsblatt der FH Münster (1996/97)
(15) H.Wintermeyer (1999), S.272
(16) Informationsblatt Universitätsklinikum Charité, Med. Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin(1999)
(17) J. Schmerfeld (1996)
(18) Informationsblatt der Universität Witten/Herdeck (o, J,)
(19) Informationsblatt der FH Frankfurt/Main (1995) u. Internet
(20) Informationsblatt der Fernstudienzentrum, Universität Karlsruhe (1997)
(21) K. Kälble/J.v.Troschke (1998)
(22) K. Kälble/J.v.Troschke (1998)
(23) Informationsblatt der FH Hannover
(24) Stichwort: "Krankenpfleger" im Meyers Konversations-Lexikon (1897),
S.644, Sp. 1
Literatur
Bartholomeyczik; S. Zur Entwicklung der Pflegewissenschaft in Deutschland, In: Pflege 1999, Heft 12, Seite 159 - 162.
Fachhochschule Frankfurt am Main (Hrsg.), Informationsblatt zur Studienberatung Pflege der Fachhochschule Frankfurt am Main, 1995, siehe auch Internet:http://www.fh-frankfurt.de
Fachhochschule Hannover, Zentrale Einrichtung für Weiterbildung (Hrsg.), Informationsblatt zum Studiengang Management von Gesundheitsnetzen "Health Network Manager", Hannover 1999
Fachhochschule Münster (Hrsg.), Informationsblatt:zum Studium Pflegemanagement und Pflegepädagogik, Münster 1996/97.
Fachhochschule Osnabrück (Hrsg.), Informationsblatt des Fachbereichs Wirtschaft, Studiengang Krankenpflegemanagement, Osnabrück 1995
Kälble, K., Troschke, v. J., Studienführer Gesundheitswissenschaften, Schriftenreihe der "Deutschen Koordinierungsstelle für Gesundheitswissenschaften" an der Abteilung für Medizinische Soziologie der Universität Freiburg, 1998, Band 9
Kommission der Robert - Bosch - Stiftung, Erkenntnistheoretische Einordnung der Pflegewissenschaft. In: Pflegewissenschaft: Grundlegung für Lehre, Forschung und Praxis; Denkschrift; Materialien und Berichte 46; Hrsg. von der Robert Bosch Stiftung; Stuttgart, Gerlingen 1996, (korrigierter Nachdruck)
Kommission der Robert - Bosch - Stiftung, Konzeption für Studiengänge In: Pflege braucht Eliten, Denkschrift der Kommission der Robert Bosch Stiftung zur Hochschulausbildung für Lehr- und Leistungskräfte in der Pflege mit systematischer Begründung und Materialien; Hrsg. von der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart, Gerling 1992
Kommission der Robert - Bosch - Stiftung, Weiterbildungssituation für Pflegedienstleitung und Lehrtätigkeit. In: Pflege braucht Eliten, Denkschrift der Kommission der Robert Bosch Stiftung zur Hochschulausbildung für Lehr- und Leistungskräfte in der Pflege mit systematischer Begründung und Materialien; Hrsg. von der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart und Gerling 1992
Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage, 10. Band, Leipzig und Wien 1897,
Hurrelmann, K., Gesundheitswissenschaften, Bielefeld und Berlin 1999
Mogge-Grotjahn, H., Pflege in Europa. In: S. Bartholomeyczik, H. Mogge-Grotjahn. C. Zander, Pflege als Studium, Bochum 1994
Schaeffer, D., Pflegestudiengänge in den USA Lernen für die Entwicklung im deutschsprachigen Raum. In: A. Heller, D. Schaeffer, E. Seidl, (Hrsg.), Akademisierung von Pflege und Public Health, Wien 1995
Schmerfeld J., Pädagogische Professionalität in der Pflege - Gedanken zur Hochschulausbildung von Pflegepädagogen. In: Pflege, Band 9, 1996, Heft 2
Universität Karlsruhe (TH), Fernstudienzentrum (Hrsg.), Studieninformation zum Kontaktstudium "Vernetzung der Pflege",Karlsruhe 1997
Universität Osnabrück, Fachbereich Sozialwissenschaften (Hrsg.), Informationsblatt zum Studiengang Weiterbildung für Lehrpersonen an Schulen des Gesundheitswesens, Osnabrück, (o.J.)
Universität Witten/Herdecke (Hrsg.), Studienordnung für den Studiengang Pflegewissenschaft, Witten/Herdecke 1995
Universitätsklinikum Charité, Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Medizin-/Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft (Hrsg.), Informationsblatt zum Diplomstudiengang Medizinpädagogik/Pflegepädagogik, Berlin 1999
Wintermeyer, H., Marketingstrategien. In: E. Bock-Rosenthal (Hrsg.),
Professionalisierung zwischen Praxis und Politik, Bern 1999